Gutes, altes Neues Jahr

Veröffentlicht am 1. Januar 2026 um 13:38

Silvester und ich...

 

Chulilla, Region Valencia, 31.12.2025

 

Liebes gutes, altes Neues Jahr,

herzlich willkommen, da bist du ja mal wieder! Wie immer ziemlich pünktlich, wenn man mal die Uhr als Maßstab der Zeit nehmen möchte. Für mich persönlich kommst du selten zu früh und manchmal zu spät. Polterst in meine Wirklichkeit rein und schreist: „Hallo, da bin ich! Gläschen Sekt?“ und ich sage „Ach du schon wieder...“, Jedes Jahr aufs Neue das alte Spiel.

Diesmal erwischst du mich also auf der Burgmauer dieses wundervollen Bergstädtchens namens Chulilla. Einen besseren Ort gibt es ja nicht für unser Wiedersehen. Respekt. Ist aber auch malerisch. Irgendwo in der Mondscheintiefe rauscht der Fluss wie eine Erinnerung an eine Zeit vor der Zeit. Da unten läuft noch alles rund, während auf der anderen Seite der angeblich ein und selben Wirklichkeit der Rechte Winkel sagt, wo es langgeht.

So stehen wir uns also mal wieder gegenüber, das gute alte Neue Jahr und ich. Wie immer ist es kurz vor zwölf.

„Na dann, mach dich mal blank, wo sind deine guten Vorsätze?“, fragt es mich und ich drehe meine Hosentaschen auf links. Soll ich mir noch schnell, im Angesicht dieses makabren Schauspiels der bürgerkriegsähnlichen Zustände, der abgerissenen Gliedmaßen und der Kotze auf dem Gehsteig, was aus den Fingern saugen? Ich hab diesmal eine andere Idee. Wir drehen den Spieß, zur Feier dieses ach so besonderen Tages, einfach mal um.

Also frage ich: „Wie sind denn deine guten Vorsätze?“

Fragt es mich natürlich: „Wie jetzt?“

Hab ich mir schon denken können, deswegen gleich den Gegenkonter vorbereitet: „Was wirst du anders machen, als all die Jahre zuvor?“

Schweigen im Nachtmantel. Nur eine Verlegenheitsrakete zischt hoch. Der Kirchturm zittert leise, will sich seine Nervosität nicht anmerken lassen. Hält er doch von allen seine Uhr immer noch am strammsten hoch. Und gleich kommt sein großer Auftritt...

„Also, ich nehme mir immer vor, mir das gleiche vorzunehmen wie immer, also alles immer so zu machen wie immer. Das ist alles.“

„Immer das gleiche, dacht ich mir. Ist auch okay. Jeder so wie er oder sie das möchte.“

„Es bitte. Ich bin ein Es.“

„Jo. Super das wir mal gesprochen haben.“

Ein Böller explodiert und wabert wie der galaktische Rülpser eines Donnergottes durch den Canyon. Die weiße Stadt unter mir sieht aus wie eine 3D-Version von 'Das verrückte Labyrinth', das lustige Gesellschaftsspiel für die ganze Familie. Feliz Novidad in Glühbirnenschrift über die Hauptstraße gespannt, gleich dahinter der erleuchtete Metallgerippe-Weihnachtsbaum. Die Leute haben die Backen voller Trauben. Macht man in Spanien halt so. Tradition. Hat halt irgendwann mal irgendeiner im Suff angefangen und dann wurde nie wieder damit aufgehört. Wenn der wüsste, wie viele Menschen jedes Jahr wegen seiner Idee an Erbrochenem ersticken... Darauf noch einen Böller.

Das Neue Jahr und ich kommen uns näher. Beim zwölften Glockenschlag fangen wir an zu jubeln und umarmen uns. Versprochen. Alles so wie immer. Dann drücken wir uns ein paar Herzensworte ins Ohr, das Glas halbleer und der Sekt lauwarm.

„Ma ehrlich, du gut gebrauchter Mittelklasse- Homo sapiens. Ich sach dir ma was....“

Hat es doch schon wieder einen sitzen, auch nichts Neues. Kommt jetzt der sentimentale Moment. Arschbacken zusammenkneifen.

„Ich mach das hier alles nur für euch. Weil mir persönlich ist das total scheißegal was ihr da veranstaltet. Ist mir so egal wie dem Fluss da unten. Oder dem Mond da oben. Oder der Sonne, die ihn so wildromantisch leuchten lässt. Nichts als Murmeln in einer Murmelbahn, die in Endlosschleifen umeinandermurmeln, wie die Gedankenschleifen in euren Köpfen.“

Oha. Jetzt haut es aber einen raus. Hätte ich jetzt nicht mehr erwartet. War dann doch gut, dass ich mal gefragt hab. Hake ich glatt nochmal nach: „Was willst du mir damit sagen?“

Wildes Glockengebimmel hat eingesetzt, es böllert, zischt und sprüht Sternfunken. Der große Moment ist gekommen.

„Will sagen, du solltest dich mal folgendes fragen: Wenn im Weltall unten auch gleich oben ist, ist hier dann gestern vielleicht auch morgen?“

Ding Dong. Ding Dong. Ding Dong. Klingelingeling.

Da hat es mich erwischt. Ist gar nicht so dumm, wie es aussieht, das gute, alte Neue Jahr. Und während ich noch in meinem Kopf herumpuzzle, fängt am Kirchplatz die Blaskapelle an zu spielen. Mit Pauken und Trompeten fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

„Logisch. Alles dreht sich immer weiter, nur die Zeit bleibt immer gleich!“

„Bingo!“

„Und dieses ganze Gedöns, dass die Zeit als vierte Dimension an sich irgendwas ändert, ist genauso absurd, wie zu denken das die Höhe, Breite und Tiefe des Raumes irgendwas verändern, weil die ebenfalls konstant sind, zumindest in der Form, in der wir formiert sind.“

„Bingo die Zweite!“

„Folglich geschieht Bewegung, sprich Veränderung, immer nur im Auge des Betrachters. Als Resonanz im Teilchentanz, in Summe mit alldem was das Leben mit ihm gemacht hat.“

„Bingo die Dritte! Und da alle guten Dinge drei sind und manch einer bis hierhin vielleicht nur spanisch verstanden hat, jetzt bitte nochmal auf Deutsch.“

„Das Jahr, also du, fängst an jedem beliebigen Punkt von vorne an. Weil das nun mal in der Natur eines Kreises liegt, müssen wir nicht diskutieren. Somit wird sich nichts verändern, gar nichts, egal wie sehr wir das ersehnen. Das ist wie das Warten auf Godot. Auf Jesus. Auf das goldene Zeitalter, die kosmische Schwingungserhöhung, die Apokalypse oder den Osterhasen. Da kommt keiner von selbst.“

Das gute, alte Neujahr streckt sein Patschehändchen hoch und wir klatschen ab.

„Und jetzt Fiesta Espana!“, ruft es und springt vorneweg durch die Gassen hinunter zur Kirche. Ich komm kaum hinterher, so putzmunter ist es unterwegs.

Da wird getrötet aus allen Rohren. Der Trompetenspieler mit der goldenen Alukrawatte, der Tubaspieler, der aussieht wie sein Instrument und der Klarinetten-Karlos bringen die Menschentraube zum gären. Ein schönes Miteinander.

„Weißt du was?“, leg ich meinen Arm um meinen neuen und doch so altbekannten Freund.

„Ich glaub die sind gar nicht wegen dir hier.“

„Aha, sondern?“

„Wegen sich selbst und ihrer Hoffnung, dass sich irgendwas ändert. Gleichzeitig haben sie natürlich auch alle mehr oder weniger Angst davor, dass sich was ändert.“

„Jo, typisch Mensch eben. Kann halt nicht raus aus seiner Haut, solange er eine hat.“

„Ist so. Aber hey, das ist doch schon okay.“

„Schon okay?“

„Na zumindest für Jetzt.“

Und dann taumeln jung und alt zu einem Kreis zusammen, direkt unterm Kirchturm, der als standhafter Fingerzeig in die Sterne deutet.

Oh Bella ciao, Bella ciao, Bella ciao, ciao, ciao...

Da singen natürlich alle mit. Tschüss, du Schöne. Du schöne Illusion der guten, neuen Zeit. Und alle tanzen und freuen sich.

„Nichts ändert sich!“, rufe ich laut im Blechblasgewitter. Nicht die Zeit, nicht die Welt. Höchstens, wenn es gut läuft, dass was wir über sie denken.“

„Richtig! Mensch, da hast du heute aber echt nen Lauf!“

„Jo Mann. Und ich geh davon aus, dass die Welt samt der Zeit, weil Raum und Zeit, weißt schon, Verschränkung, Einstein, Heissenberg'sche Unschärferealtion, Vishnu, Shiva, Brahma und Pipapo, folgen den Gedanken im Rahmen ihrer Möglichkeiten nach. Dauert halt, wegen der Trägheit der Masse.“

„Die Lari-Fari-Gravitation halt...“

„So isses. Und...“ Da aber schubst mich das gute, alte Neue Jahr in den Kreis der eskalierenden Menschen hinein.

„Jetzt lass mal die Kirche im Dorf. Da steht sie doch ganz gut und sing und tanz, sei voll und ganz, hier und jetzt, weil das fetzt! Ariba, Ariba!“

Ding Dong. Ding Dong. Ding Dong, schunkelt sich auch der Kirchturm mit ein. Der alte Angeber mit seiner Uhrzeit. Nach zwölf ist es schon, bald eins, behauptet er, während der Fluss dort unten auf seine Urzeit vertraut und sagt: „Alles so wie immer.“

Warum auch nicht? Jeder wie er oder sie oder es das möchte.

Und so kreiselt es und kreiselt es, im Himmel, also auch auf Erden, also auch in meinem Kopf und deshalb frage ich mich noch, im Angesicht dieses monumentalen Momentes, inmitten der Gesichterflut der durchdrehenden Menschen:

„Wenn sich meine Gedanken tatsächlich im Kreis drehen, kannst ich mich dann wirklich irgendwann selbst wie von selbst verstehen?“

„Denk mal drüber nach“, sagt die ominöse Entität neben mir und ich sage:

„Oder auch nicht.“

Da umarmt mich das gute, alte Neue Jahr und sagt:

„Bingo.“

Wir sind uns einig. Wurd aber auch Zeit.

„Feliz ano nuevo“, lächelt es und reicht mir die Hand.

„Ich bin übrigens der Silvester.“

„Jo und ich der Jano Eulenlauscher.“

„Hab ich mir fast gedacht.“

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