Die unglaubliche Reise des Ameisenlöwen Sandy

Veröffentlicht am 28. Februar 2026 um 11:12

Eine Geschichte aus dem Januar 2024, Donaña Nationalpark

 

Ameisenlöwen sind weder Löwen noch Ameisen. Sie sind weder so besonders mutig wie Löwen noch so emsig wie Ameisen. Eigentlich sollten sie eher Trichterhocker, Sandspucker oder Breitarsch heißen, weil all das mehr über ihre Lebensweise und ihr Äußeres verrät. Nun, bei Sandy verhält es sich ein bisschen anders. Zwar hat auch er einen zum kleinen Kopf überdimensional breiten Hinterleib, aber er ist nicht in seinem Sandtrichter hocken geblieben. Nein, er hat sich auf die Reise von der Nordküste Sardiniens, über Genua und Bad Salzuflen an die Südwestküste Spaniens begeben, was in etwa so weit und unwahrscheinlich ist, wie für einen Siebenjährigen die Reise von Hinterweidenthal zum Uranus. Dafür benutzte er weder eine Rakete noch eine fliegende Untertasse, sondern einen angerosteten Suppenteller. Außerdem einen Peugeot, eine Fähre, ein Flugzeug und ein blaurotes Wohnmobil.

Zuvor saß Sandy wie seit Jahr und Tag in seinem säuberlich angelegten Trichter, blinzelte in die Sonne und wartete, ob eine Ameise sich näherte. Kam sie dem Trichter zu nahe, schleuderte er Sandkörner auf sie, bis sie den Halt verlor und an den steilen Trichterwänden in ihr Verderben rutschte. Nun, Ameisenlöwen müssen ja auch von was leben, und damit Leben leben kann, muss es anderes Leben verspeisen.

In der Nähe von Sandys Trichter lag immer schon ein weißer, gut angerosteter Suppenteller. Verloren, vergessen, bedeutungslos. Bis zu dem Tag, als ein Träumer verträumt den Strand entlangtrottete. Er dachte: „Hübscher Teller!“, denn er hatte ein Herz für Schrott. Außerdem brauchte er noch ein Geschenk für die Freundin, die ihn hier besucht hatte und am morgigen Tage aber wieder heim nach Bad Salzuflen fahren musste.

Also belud er den Teller mit Sand, setzte ein paar Muscheln im Kreise dazu, in die Mitte die entstachelte Schale eines Seeigels und in deren Loch ein Räucherstäbchen. Strahlend überreichte er ihr den Teller, strahlend nahm sie ihn an sich und stellte ihn neben sich auf den Beifahrersitz.

Es musste in Sandys Welt wohl ein Erdbeben, ein Wirbelsturm und die Apokalypse gleichermaßen gewesen sein. Jedenfalls wusste er nicht, wie ihm geschah. Als er sich endlich traute, wieder aus dem Sand zu blinzeln, saß er in einem unbekannten Objekt, von dem wir natürlich wissen, dass es ein Auto war. Die Fahrerin ahnte freilich noch nichts von ihrem Glück. Sie checkte auf der Fähre ein, fuhr in Genua wieder von Bord und Richtung winterliches Deutschland. Todesmutig hatte Sandy den mysteriösen Suppenteller verlassen und tastete sich vorwärts. Nicht wissend, wohin, wieso, weshalb und warum.

Da sah die Frau, die wir einmal Isabell nennen wollen, dass da etwas kreuchte und fleuchte. Etwas, das sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Nun war, dem Ameisenlöwengott sei Dank, auch sie eine Träumerin, die keiner Fliege, keine Schnecke und nicht einmal einer Spinne was zu Leide tun konnte. So fing sie Sandy ein, der wohl meinen musste, es hätte sein letztes Stündlein geschlagen, als sie ihn mit offenem Mund und großen Augen anstarrte, und nannte ihn: Genau, Sandy.

Zurück auf seinem Teller aber wartete Sandy nur darauf, im Schutze der Dunkelheit wieder zu entfliehen, denn irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Er robbte über eine seltsame Erde, wie er sie und auch kein anderer Ameisenlöwe jemals kannte. Ein Teppichboden. Dort aber lief er wieder genau der Riesin Isabell in die Arme. Diesmal aber tat sie ihn nicht zurück auf den Teller, sondern sperrte ihn mitsamt dem Sand vom Teller in ein Glas mit Luftlöchern im Deckel. Aus diesem Verlies war die Flucht fortan ausgeschlossen.

So harrte er dort der Dinge, denn dies können Ameisenlöwen vortrefflich. Acht Monate ohne Imbiss - kein Problem. Einfach den Kopf in den Sand stecken und fertig. Isabell versuchte ihm eine Ameise zu fangen, doch der Winter hatte dafür gesorgt, dass alle Insekten wie vom Erdboden verschluckt worden waren. Was also sollte sie tun? Es gab nur einen Weg. Sandy musste zurück an den Sandstrand. Zufällig wurde sie vom selbigen Freund, mit dem sie eben noch auf Sardinien durch den Sand gekullert war, eingeladen, ihn dieses Mal in Andalusien zu besuchen. Nun, da sie gerade nichts Besseres vorhatte, packte sie ihre sieben Sachen, verstaute Sandy in seinem Glasverlies in ihrem Rucksack und machte sich auf die Wollsocken. Somit wurde Sandy der erste seiner Art, der jemals die Erde verließ und durch die Lüfte flog.

In Málaga angekommen stieg er in ein blaurotes Wohnmobil ein. Dort stand sein Gefäß neben einer etwas welken Zimmerpflanze auf der Küchenanrichte. Was er in den nächsten zwei Wochen alles fühlte und dachte, darüber schwieg er sich aus. Vielleicht hatte er für vieles auch gar keine Begriffe, in etwa so, wie wenn du oder ich in eine ferne Galaxie reisen würden, die voll von nie Gekanntem wäre. Die beiden Reiseleiterriesen prüften auf ihrer Reise durch Andalusien immer wieder das Erdreich, doch nirgends war die rechte Konsistenz zu finden, die einem Ameisenlöwen sein Handwerk erlauben würde. Nach einer kleinen Odyssee aber kamen sie endlich an den Strand bei Matalascañas. Der Nationalpark Doñana beginnt dort. Ein Paradies für Ameisenlöwen! Sie machten sich mit Sandy auf, die geeignete Stelle zu finden, wo er ein neues Leben beginnen, vielleicht gar eine neue Welt begründen könnte. Im Schutze eines Zaunpfostens, genau neben der Ameisenstraße Matalascañas - Sevilla pulte sie ihn aus seinem Glas und ließ ihn auf die Erde plumpsen. Sofort versuchte Sandy sich in den Sand zu wühlen, aber, ach, vom vielen Rumhocken war sein Hintern zu dick geworden, dass es ihm nicht recht gelingen wollte. Da half Isabell in einem letzten Dienst an diesem Geschöpf noch einmal nach und lockerte den Boden. Und endlich, endlich verschwand Sandy darin und begann sein neues Leben in einem fernen Land. Damit hat er die weiteste Reise getan, die jemals einer seiner Art begangen hat.

Und wie es ihm weiter erging?

Nun, vielleicht haben die Ameisen ihn ja weggetragen und ihn als Gottheit verehrt. Oder eine Möwe kam und hat ihn einfach aufgepickt.

Oder er hat ein paar Ameisen verdrückt, sich dann verpuppt und ist irgendwann als Ameisenjungfer zum Hochzeitsflug aufgebrochen, hat sich mit einer Einheimischen vermählt und eine Multi-Kulti Familie gegründet.

Vielleicht hat er sich auch wieder auf die Suche nach einem rostigen Suppenteller gemacht, um auf ihm wieder zurück nach Sardinien zu reisen, weil es daheim doch am allerschönsten ist.

Wie dem auch sei: Was an dieser Geschichte zählt, ist das Mitgefühl und die Freude am Leben. Während drumherum Schleppnetze den Ozean plündern und aus Fässern Gift auf die Ackerböden gesprüht wird, um Insekten und Kräuter zu vernichten, so gibt es in uns Menschen doch auch diese Liebe zum Nächsten, die sich keinesfalls nur auf die eigene Art beschränken sollte. Denn alles, was lebt auf Erden, soll hier leben, sonst wäre es nicht da. Und naja, wie der Zufall so spielt, kann der Flügelschlag eines Schmetterlings durchaus anderswo den Regen auslösen.

 

Matalascañas, 12.02.2024, Jano Eulenlauscher

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